1997/2001

 

1997/2001

„Amorphe Begriffe“ oder: die Gesetze des Wissens

Zwischen 1997 und 2001 arbeitete er an der Werkgruppe „Amorphe Begriffe" – umfangreichen Serien konzeptueller Fotografie, die ein Kompendium seiner bisherigen Reflexionen über Bild und Sprache darstellten. Serielle Tableaus, geordnete, schautafelhaft-streng komponierte Fotografien wurden mit grafischen Strukturen, Wörtern, Buchstaben oder Zahlen kombiniert, technisch zumeist im Sandwich-Verfahren oder durch eine Mehrfachbelichtung während des Positivprozesses.
Der Titel „Amorphe Begriffe“ bezieht sich auf ein  Paradoxon: Je tiefer wir in die Materie hineinschauen, je mehr wir fixieren wollen, desto mehr verwischen die Elementarteilchen vor unserem Auge. Damit aber wird es unmöglich, Zustände vorherzusagen oder Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten.
Gilt das auch für unser Sehen und Denken mit Bildern und Worten?
„Verabschiedet man sich erst einmal von der Vorstellung, dass Fotografie einen dokumentarisch-definierenden Wahrheitsgehalt hat, werden vorgeblich exakte Bildbegriffe amorph und verlieren ihre Dogmatik“ schrieb Klie zu einer Ausstellung gleichen Titels (1998).
Serielle Strukturen veranschaulichen bei Klie demnach das Leben der Begriffe und ihr Schicksal – es ist die sich ständig wiederholende Genese vom Besonderen zum Allgemeinen, die im Laufe der Zeit jeden Begriff verfestigt und zugleich seine Referenzfähigkeit zerstört, So waren Klies „Amorphe Begriffe“ eigentlich eine Aufforderung zur Dekonstruktion wird die Auflösung verfestigter Bedeutungen angestrebt. Hier findet Klie wieder zu seinen Ursprüngen, denn – frei nach Magritte – galt es „das Denken am Leben zu erhalten“.
Der Rezipient wird „ent-täuscht“ in dem Doppelsinne, dass erstens das, was er verstanden zu haben meinte, eine Täuschung war und zweitens dies als Täuschung sichtbar wird. An- und Abwesenheit von Wahrheit wird sichtbar, indem nur insofern etwas erblickt wird, als zugleich anderes aus dem Blickfeld ausgeschlossen und dieser Ausschluss selbst sichtbar wird.

1998 entstand eine enge Zusammenarbeit mit dem Fotografen Gerhard Haug (bis 2006). Das erste Ausstellungsprojekt „Referenz“ (konzeptuelle Fotografie 1998/99, mit Akinbode Akinbiyi)  fokussierte auf die Referenzfunktion der Fotografie. Im digitalen Zeitalter produziert Fotografie mehr denn je virtuelle Welten. .„Teilweise leben wir heute in einer Welt, die bereits in ihrer Substanz virtuell geworden ist, so dass Primärerfahrungen im Virtuellen eine „Alltagserfahrung“ darstellen“ (Klie)  Dieser Hintergrund war Ausgangspunkt für ein Spiel zwischen unterschiedlichen Virtualitätsebenen. Das „Spiel“ konnte vergegenwärtigen, wie selbstverständlich wir mit Bildern umgehen, ohne sie zu verstehen. „Referenz“ war Anstoß für weitere gemeinsame Aktivitäten.
Während des Ausstellungsprojektes „Überindividuell 1–2“ , in Berlin und Mannheim (mit M. v. Ostrowski, M. Stoll, T. Wirthmüller), das mit raumbezogenen, multimedialen Installationen, Statements und Glossaren zum Umfeld von Künstler ,Werk und seiner jeweiligen „Lebenskunst“ inszenierte, zeigte Klie erstmals die Urform seiner „Wittgenstein-Trilogie“.

2003 gründeten Haug und Klie die Kunstinitiative „projektSTRAND.org“ (www.projectSTRAND.org).  Ein zentraler Teil der Gruppenarbeit waren fiktionale und reale Interventionen im Stadtraum, die in Form von Aktionen, Projekten und Ausstellungen umgesetzt wurden (bis 2006 wechselnde Besetzung K.W. Eisenlohr, W. Fehse, u. a.). Die Auseinandersetzung mit dem Stadtraum, die Realisierung künstlerischer Projekte in direkter Nähe zur Straße vollzog sich u. a. in temporär genutzten Projekträumen (z. B. „ Streetlounge – Straße/Stadt/Identität“). Klie entwickelte seine Gedankengänge hier u. a. mit dem Medium Film weiter und veranschaulichte in mehren Schritten  seine „Philosophie der Straße“.
Gewissermaßen als Quintessenz der Kunstinitiative „projectSTRAND.org“ erarbeiteten Haug und Klie die „Street_User_Interfaces“ (Bodenvitrinen im Straßenraum zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Straße) als Beitrag zum Wettbewerb „Kunstinstallationen für die Potsdamer Straße“ (2005).